Siebenbürger Sachsen - gestern, heute, morgen.
Von einer festen Burg zu einem offenen Club

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3. Siebenbürger Sachsen - heute


von
Johann Lauer

3.1 Integration in die Bundesrepublik Deutschland Zum Seitenanfang

Die Vertriebenen und Flüchtlinge sowie später die Aussiedler haben selber nicht nur zum Aufbau der Bundesrepublik Deutschland beigetragen (Lemberg/Edding 1959, Schlau 1996), sondern sie konnten durch ihr politisches Engagement auch zur Entstehung einer Friedensordnung in Europa und zur Versöhnung mit den Nachbarn Deutschlands beitragen. Einer neuen Ordnung, so der aus dem Sudetenland stammende Historiker Eugen Lemberg, müsse sowohl eine sittliche Idee als auch eine staatliche Ordnung zugrunde liegen, die nicht auf dem Nationalprinzip aufbaut. "Cuius regio eius lingua (Wer die Herrschaft besitzt, bestimmt die Sprache, JL) heißt der Grundsatz heute. Er enthält die gleiche Barbarei wie jener (Cuius regio, eius religio. Wer die Herrschaft besitzt, bestimmt die Religion, JL) von 1555" (Lemberg 1949: 28).

Mit der Charta der deutschen Heimatvertriebenen wird eine sittliche Idee zum politischen Manifest. In dieser Charta verzichten die Vertriebenen auf Rache und Vergeltung, unterstützen alle Kräfte, die sich für "die Schaffung eines geeinten Europas" einsetzen, und wollen "durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas". Dies muss deshalb besonders hervorgehoben werden, weil die Vertriebenen zur Gruppe der Deutschen gehören, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg am meisten verloren und durch die Vertreibung die meisten Leiden erfuhren (vgl. oben). Die Charta wurde am 5. August 1950 anlässlich einer Kundgebung in Stuttgart verkündet. Sie trägt die Unterschriften der Sprecher der Landsmannschaften sowie die der Vorsitzenden des Zentralverbandes der vertriebenen Deutschen. Auch die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen bekennt sich nach wie vor zu diesen Grundsätzen (Bruckner 1994). Mit der Europäischen Union ist in Europa ein supranationaler Staat entstanden, der zwar nicht auf das Nationalprinzip verzichtet, aber die negativen Entwicklungen des Nationalismus neutralisiert hat.

1935 lebten von den ca. 93,5 Millionen Deutschen weltweit ca. 16,5 Millionen, fast 18 %, "außerhalb des geschlossenen deutschen Sprach- und Siedlungsraumes (Deutsches Reich, Österreich, Schweiz)" (Gündisch 1995: 9). Aufgrund von Flucht, Vertreibung und Umsiedlungen waren auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik Millionen Vertriebene (vgl. oben). Darunter befanden sich Menschen aus anderen Teilen Deutschlands, die schon immer deutsche Staatsangehörige waren (z.B. Schlesier), aber auch Deutsche, die es nicht waren (Sudetendeutsche, Siebenbürger Sachsen etc.). Die erste Sorge war, diese Menschen mit Wohnraum auszustatten und zu verpflegen. Langfristig ging es indessen darum, diese Menschen in den neu entstandenen Staat, die Bundesrepublik Deutschland, zu integrieren. Grundgesetz (1949), Lastenausgleich (1949), Bundesvertriebenengesetz (1953) und Fremdrentenrecht (1957) waren die wichtigsten staatlichen Integrationshilfen.

Die überwiegende Mehrheit der Siebenbürger Sachsen wanderte zwischen 1978 und 1993 ein. Für die wirtschaftliche Integration waren Lastenausgleich und andere Starthilfen (Begrüßungsgeld etc.) nur zweitrangig. Die Integration wurde insbesondere dadurch so schnell möglich, weil Aussiedler ab der Einreise in die Bundesrepublik alle Rechte wie die übrigen Bürger erhielten. Jeder, der als Flüchtling oder Vertriebener anerkannt wurde, erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft und hatte damit Zugang zu den deutschen Sozialversicherungen. Da die Siebenbürger Sachsen die deutsche Sprache beherrschten (Rumänien war das einzige Ostblockland, wo es noch leistungsfähige deutsche Schulen gab) und aufgrund der Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Industrie ausgebildet und gearbeitet hatten, fanden sie sehr schnell einen Arbeitsplatz und dann auch Wohnraum. Die berufliche Eingliederung bildete das Fundament der gesellschaftlichen Eingliederung (Schaefer 1996: 113). Zur schnellen wirtschaftlichen Integration trug auch noch die Tatsache bei, dass sie sich in wirtschaftlich starke Regionen der Bundesrepublik niederließen; in den 50er und 60er Jahren verstärkt in das Ruhrgebiet, später in die Räume München, Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Frankfurt, Nürnberg. Über 70 Prozent dürften seit 1978 nach Baden-Württemberg, Bayern und Hessen eingewandert sein.

Die Bundesrepublik Deutschland war für alle Deutschen aus den Vertreibungsgebieten eigentlich ein idealer Fluchtort. Wenn man von den Zusatzreduzierungen bei der Fremdrente in den 90er Jahren einmal absieht, konnten die Menschen die schwerwiegendsten Benachteiligungen der Heimatgebiete durch eine Umsiedlung überwinden. Statt Deklassierung gab es Gleichberechtigung, statt Bevormundung Freiheit, statt wirtschaftlicher Not Wohlstand. Hinzu kommt, dass die Furcht vor dem Verlust der eigenen Identität sich durch den Zuzug nach Deutschland erübrigte.


3.2 Motive für die Ausreise Zum Seitenanfang

Jede siebenbürgisch-sächsische Familie ist in 20. Jahrhundert von Flucht, Deportation, Enteignung oder Aussiedlung betroffen. Im Unterschied zu der überwiegenden Mehrheit aller anderen Deutschen in Ost- und Südosteuropa wurden die Siebenbürger Sachsen nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihren jahrhundertelangen Siedlungsgebieten nicht vertrieben. Die Siebenbürger Sachsen können auf eine über 850-jährige Geschichte in Siebenbürgen (Transsylvanien) zurückblicken. Mittlerweile leben über 90 Prozent der Siebenbürger Sachsen nicht mehr in Siebenbürgen. Die übergroße Mehrheit hat auf eigenen Entschluss die Heimat verlassen. Viele sind aus Siebenbürgen erst nach jahrelangem Kampf mit sich selber als auch mit den rumänischen Behörden vor allem in Richtung Bundesrepublik Deutschland ausgewandert. Nach den Umwälzungen von 1989 in Rumänien haben fast alle ihre Heimat geradezu panikartig verlassen, abgesehen von einer relativ geringen Zahl hauptsächlich älterer Menschen.

Die Siebenbürger Sachsen lebten über Jahrhunderte in einer multikulturellen Region und einem entsprechenden gesellschaftlichen Umfeld. Zu den verschiedenen Aspekten ihrer Kontinuität gehört nicht nur die Wahrung der kulturellen und nationalen (deutschen) Identität, sondern sie verstanden sich als Mittler zwischen verschiedenen Kulturen (Gündisch in diesem Band). Gerade deshalb verwundert es, dass die Siebenbürger Sachsen, genauso wie alle Deutschen aus den übrigen ost- und südosteuropäischen Ländern, als ersten Grund für ihre Ansiedlung angeben: "Als Deutsche unter Deutschen leben zu wollen" (Wagner 1979, 10, BpB 1989).

Wie kam es nach jahrhundertelangem Miteinander und Nebeneinander, in dessen Verlauf Menschen verschiedener Völker und Konfessionen gemeinsam die Grundlagen und Institutionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa schufen, zu einem Gegeneinander? Wieso wurden und werden in unserem Jahrhundert ethnische Säuberungen (Genozid und Vertreibung) als eine Möglichkeit betrachtet, Nationalitätenprobleme zu lösen, und mit diesem Ziel eingesetzt? Welche Beweggründe haben Menschen, die auf eine so lange und traditionsreiche Geschichte zurückblicken können, veranlasst, ihre seit Jahrhunderten angestammte Heimat zu verlassen?

Damit man die Aussiedlungsmotive verstehen bzw. die Aussiedlung von Deutschen aus Osteuropa in die Bundesrepublik erklären kann, müssen erstens die Ursachen der Auswanderung (push-Faktoren), in diesem Fall aus Siebenbürgen, und zweitens die Anziehungskräfte (pull-Faktoren) in der Bundesrepublik Deutschland erörtert werden. Folgende Thesen sollen begründet werden: Die wichtigsten Faktoren, die den Massenexodus verursachten, sind jahrzehntelange Deklassierung im Herkunftsgebiet unabhängig vom gerade herrschenden politischen System sowie die Gefahr des Identitätsverlustes; und: Die Bundesrepublik ist ein Fluchtort, wo genau diese drückenden Nachteile fehlen und eine gute Integration möglich ist.

In einer Zeit, wo Konsum- und Wirtschaftsinteressen alles andere überlagern, ist schnell eine Antwort auf die Frage nach den Motiven der Auswanderung gefunden: Wirtschaftliche und politisch-ideologische Probleme (Armut und Unfreiheit) in Rumänien bilden zwei Motive der Ausreise (Roth, Andrei 1997). Der "Anreiz im Stil westlichen Konsumverhaltens auszuweichen" (Philippi 1994: 85) spielte sicherlich vor allem bei der jüngeren Generation eine Rolle. Die wirtschaftlichen Gründe der Ausreise werden nicht nur von den zitierten siebenbürgisch-sächsischen Autoren, sondern auch in der öffentlichen Diskussion der Bundesrepublik Deutschland bei weitem überschätzt. Doch können wirtschaftliche Motive allein die Massenpsychose der Ausreise nicht erklären. 1990, nach Öffnung der Grenzen, verließen vom Baby bis zum Greis ganze Großfamilien Siebenbürgen, in vielen Gemeinden gibt es kaum noch Deutsche. Unzählige Menschen im Alter über 50 Jahren verkauften Haus und Hof und übersiedelten in die Bundesrepublik im vollen Bewusstsein, dass sie in Deutschland weder Eigenheim erwerben noch einen beruflichen Aufstieg erarbeiten konnten. Emigration aus wirtschaftlichen Motiven gab es vor und nach dem Ersten Weltkrieg vor allem in die USA, viele fanden aber wieder den Weg zurück in die Heimat; dies ist zurzeit nicht der Fall.

Die oben genannten Motive spielten bei der Entscheidung Einzelner eine Rolle, sie bilden aber keine zureichenden Gründe und können das Ausmaß der Aussiedlung nicht erklären. Dies gilt vor allem auch, wenn allein Wirtschaftsmotive aufgeführt werden (Lauer 1990). Jahrzehnte andauernde Deklassierung unabhängig vom gerade herrschenden politischen System und die Furcht vor dem Verlust der kulturellen und nationalen Identität aufgrund von Magyarisierungs-, seit 1918 Romanisierungstendenzen bilden die wichtigsten push-Faktoren. "Der tiefere Grund für die ,kollektive Fluchtbewegung‘ ist vielmehr die Erkenntnis, daß das Deutschtum in Siebenbürgen und Banat sich unaufhaltsam seinem Untergang nähert" (Hartl 1994: 94). Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten entzog nach dem Zweiten Weltkrieg allen Deutschen in Ost- und Südosteuropa die Grundlagen eines Miteinanders. Die Maßnahmen der kommunistischen Diktatur bewirkten zusätzlich eine indirekte Vertreibung (Gündisch 1995). Ohne die de-facto-Ausbürgerung der Deutschen und die damit einhergehende Zerstörung der religiösen und nationalen Gemeinschaften, wäre diese hohe Zahl der Ausreisewilligen (80 bis 90 Prozent) nicht zustande gekommen. Dieser hohe Prozentsatz ist Produkt eines über fast zwei Jahrhunderte andauernden Nationalismus, in dessen Gefolge die Deutschen aus allen Staaten Europas, ob gewollt oder nicht, in eine Schicksalsgemeinschaft gedrängt wurden. Enteignung, Deportation und jahrzehntelange Deklassierung haben das Vertrauen zerstört, das für ein gutes Miteinander notwendig ist.

Auf der anderen Seite bildet die Bundesrepublik Deutschland als Fluchtort den wichtigsten pull-Faktor. Hier fehlen erstens genau die genannten drückenden Nachteile und zweitens wird aufgrund der gesetzlichen Regelungen, aber sicherlich auch der guten wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte eine gute Integration ermöglicht. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben in Kenntnis dieser Zusammenhänge mit Artikel 116 des Grundgesetzes allen Deutschen in den Vertreibungsgebieten die Möglichkeit gegeben, deutsche Staatsbürger zu werden. Weiterhin wurden mit dem Lastenausgleich, dem Fremdrentenrecht und anderen Maßnahmen wichtige Integrationshilfen im Laufe der Jahrzehnte eingerichtet, die eine schnelle Integration in die Bundesrepublik garantieren. Damit erhalten diese Menschen in der Bundesrepublik Deutschland genau das, was sie im Osten vermissen: gleiche Rechte und gleiche Pflichten als Bürger, Selbstbestimmungsrecht über die Sicherung und Weiterentwicklung der eigenen Identität. Die kulturellen, politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen für die Siebenbürger Sachsen in der Bundesrepublik Deutschland und in Rumänien konnten in den vergangenen Jahrzehnten kaum gegensätzlicher sein. Dies gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die gemeinschaftlichen Institutionen. Auch am Ende des 20. Jahrhunderts müssen in Europa nationale Minderheiten - deutsche Minderheiten im Osten Europas aufgrund der beiden Weltkriege allemal - nicht nur mit Deklassierung und Verlust der Identität rechnen, sondern, dies zeigten die Kriege der 90er Jahre im ehemaligen Jugoslawien deutlich, auch mit ethnischer Säuberung (Genozid und Vertreibung).


3.3 Kultur der Selbständigkeit: Siebenbürgisch-sächsische Institutionen heute Zum Seitenanfang


Die heute lebenden Generationen mussten im letzten Jahrhundert mehrere Schicksalsschläge bewältigen: Aussiedlung, Auswanderung, Krieg, Flucht, Vertreibung, Deportation. Hinzu kam ein gewaltiger sozialer Wandel im Laufe dessen eine in ihrer Mehrheit aus Bauern und Handwerkern bestehende Gesellschaft zuerst in die kommunistische Industrie- dann in die westliche Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft integriert wurde. Dabei mussten die Siebenbürger Sachsen auf ihre bewährten Institutionen verzichten, da diese (Vereine, Genossenschaften, Unternehmen, politische Vertretung) völlig enteignet und aufgelöst wurden oder wie die Kirche zwar weiter bestehen konnte, ihr aber die materiellen Grundlagen entzogen und die Schulen verstaatlicht wurden. Des weiteren wurde jeder Einzelne erst nach dem Krieg enteignet und bei der Ausreise de facto nochmals. 

Dank der über Jahrhunderte entwickelten Kultur der Selbständigkeit konnten diese gewaltigen Umbrüche bewältigt werden. Einige Institutionen wie die Kirche, die Nachbarschaften konnten weiter funktionieren. Vor allem in Deutschland wurden eine Vielzahl von Institutionen neu gegründet oder wieder gegründet.

Heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts leben immer noch mehr Menschen in Siebenbürgen als bei der Ansiedlung vor über 850 Jahren. Darüber hinaus sind Zehntausende Mitglieder von verschiedenen siebenbürgischen Institutionen (ca. 40) weltweit  (vgl. Liste siebenbürgisch-sächsischer Institutionen weltweit).

Jeder kann heute Mitglied in siebenbürgischen Institutionen werden, sofern er die Satzung der einzelnen Institution akzeptiert. Die Abstammung spielt keine Rolle. In vielen Organisationen sind Menschen tätig, die keine siebenbürgisch-sächsische Abstammung haben, in den deutschen Schulen Siebenbürgens kommen sogar über 90 Prozent der Schüler aus einem andersartigen nationalen Umfeld.

Nicht nur folkloristische Freizeitbedürfnisse werden in den Institutionen befriedigt. Insbesondere die vielen sozialen Institutionen, die Evangelische Kirche in Siebenbürgen für die dort lebenden, aber auch die kulturellen Institutionen sind für viele nach wie vor wichtige, unentbehrliche Hilfen.

 


3.4 Vom gemeinsamen Lebensraum zum gemeinsamen Kommunikationsraum:

Internet als Informationsinfrastruktur für die Siebenbürger Sachsen.

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Die Siebenbürger Sachsen leben heute nicht nur in verschiedenen europäischen Ländern (vor allem in der Bundesrepublik, Rumänien, Österreich), sondern sie sind auch über andere Teile der Welt (in den USA, Kanada und Australien) verstreut. Das Internet ermöglicht die Gründung von elektronischen Kommunikationsräumen, die nicht mehr durch Geographie, sondern durch gemeinsame Interessen verbunden sind.

Dieses Medium bietet eine Plattform, um weltweit kostengünstig und effizient miteinander zu kommunizieren und zu publizieren. Das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten werden dazu genutzt, eine bessere Kommunikation untereinander zu ermöglichen. Noch weitaus wichtiger aber ist: Durch die Publikation im Internet kann das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen auch in Zukunft präsent und für alle erreichbar bleiben. Durch die Nutzung der Kommunikationsmöglichkeiten des Internets werden in absehbarer Zeit neue gemeinsame Kommunikationsräume entstehen, nachdem ein gemeinsamer Siedlungsraum der Siebenbürger Sachsen für immer der Vergangenheit angehört. Kommunikationsräume im Internet für unterschiedliche Themen und Interessen der Siebenbürger Sachsen werden die vorhanden Medien ergänzen und weiterhin zur Erhaltung einer lebendigen Gemeinschaft beitragen (eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, die das Internet für die Siebenbürger Sachsen bietet, findet man in Lauer 1999a).

Seit Mitte der 90er Jahren entstanden viele Angebote im Internet mit siebenbürgisch-sächsischen Themen z.B. das Onlineforum Fremdrente (www.siebenbuergersachsen.de/fremdrente/ seit 1995), Sibiweb (www.sibiweb.de/ seit 1996). Sibiweb war bis 1999 das umfangreichste Angebot. Die Landesgruppe Baden-Württemberg der Landsmannschaft hat 1999 ein trimediales Projekt erstellt, bestehend aus Buch, CD-ROM und Internet-Auftritt an dem 32 Autoren beteiligt waren (www.siebenbuerger-sachsen-bw.de/buch/). Zur Zeit gibt es eine kaum noch überschaubare Anzahl von Angeboten. Ein umfassendes Linkverzeichnis gibt es im Portal der Rokestuf (www.rokestuf.de/portal.html). "Die Rokestuf.de ist der Treffpunkt für Siebenbürger und an Siebenbürgen interessierte Menschen. Der Rokestuf-Chat lädt zum Gespräch ein, und in den Diskussionsforen kann und darf jeder mitreden oder auch selbst eine Diskussion anregen", so stellt sich die seit Jahren am meisten besuchte Kommunikationsplattform im Internet vor.

Das umfangreichste Angebot findet man wohl derzeit auf der Homepage der Landmannschaft (www.siebenbuerger.de). Die Qualität der siebenbürgisch-sächsischen Inhalte im Internet ist von sehr gut bis sehr schlecht, in dieser Hinsicht gibt es kein Unterschied zu den Printmedien. Dies gilt auch für die Internet-Auftritte und -Präsentationen.


3.5 Strukturwandel der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft Zum Seitenanfang

Das Konzivilitätsreskript Kaiser Joseph II. von 1781  und die Abschaffung des Kuriatvotums 1792 (vgl. oben) waren die Auslöser für die Wandlung von einer privilegierten Standesnation zu einer nationalen Minderheit. Dieser Prozess war spätestens mit der Auflösung der Nationsuniversität 1876 abgeschlossen. Hochstrasser setzt den Beginn dieses Wandels  erst 1867 an (Hochstrasser 2002).

Das Festhalten an Errungenschaften der Vergangenheit hatte aber auf wirtschaftlichen Gebiet enorme Nachteile. So hielt man viel zu lange an den alten Methoden in der Landwirtschaft als auch an dem über Jahrhunderte sehr erfolgreichen Zunftwesen fest. Dabei wurde die industrielle Revolutionen verschlafen. Die Landwirtschaft und das Handwerk verloren den Anschluss an westliche Standards. Siebenbürgen verlor "um 1800 den Anschluss an die industrielle Entwicklung der österreichischen Erbländer und des Westens" (Kroner 1999a: 34). Nicht zuletzt deshalb stagnierte das Bevölkerungswachstum, ja an der Wende zum 20. Jahrhundert kam es sogar zu einer Abwanderung insbesondere nach Amerika, aber auch nach Alt-Rumänien und Deutschland (vgl. oben).

Dies wurde von den in Deutschland studierenden darunter insbesondere Stephan Ludwig Roth erkannt und man begann Abhilfe zu schaffen. Diejenigen, die nach vorne blickten, fingen an, neue Institutionen zu gründen und so wurde der Grundstein für ein blühendes Vereinswesen gelegt. Viel Energie wurde von Gegnern dieser Entwicklung im 19., Jahrhundert verwendet, diesen Prozess aufzuhalten oder wenigstens abzufedern. Noch auf dem Sachsentag von 1890 wollte man zwar die industrielle Entwicklung fördern, aber die Schattenseiten (Pauperismus und Proletariat) möglichst vermeiden. Man wollte einen "sächsischen Kapitalismus" (Kroner 1999a: 39). Die Modernisierung auf kapitalistischer Grundlage konnte auf diesem Sachsentag dank Persönlichkeiten wie Dr. Karl Wolff eingeleitet werden.

Existierende Institutionen konnten den politischen Verlust, den die Auflösung der Naitonsuniversität 1876 bewirkte, teilweise  wettmachen. So wurde die Evangelische Kirche eine wichtige Repräsentantin der Sachsen. Dadurch, dass die Schulen in die Obhut der Kirchen kamen, konnte man den Magyarisierungstendenzen bis 1918 und danach den Rumänisierungstendenzen erfolgreich begegnen. Eine bedeutende Rolle spielten auch die Bruder-, Schwester- und Nachbarschaften, die die gesamte Gemeinschaft ab einer bestimmten Altersgrenze verpflichtend umfasste. Von genauso großer Bedeutung wurde aber das Vereinswesen (vgl. oben).

Mit Hilfe von Kirche und Schule, den Bruder-, Schwester- und Nachbarschaften sowie den neu entstehenden Vereine konnte der Wandel von einer Standesnation zu einer nationalen Minderheit erfolgreich bewältigt werden. Weitere Zäsuren im wirtschaftlich-sozialen Wandlungsprozess waren der Erste Weltkrieg und der Anschluss Siebenbürgens an Rumänien (1918) und sicherlich dann der Zweite Weltkrieg.

Seit dem 18. Jahrhundert kann ein sukzessiver  Bedeutungsverlust der Siebenbürger Sachsen innerhalb der siebenbürgischen Gesellschaft festgestellt werden. Die Siebenbürger Sachsen waren 1944  trotz ihrer geringen Zahl in der Landwirtschaft, im Gewerbe, in der Industrie und im Handel nach wie vor führend in Siebenbürgen (Hochstrasser 2002). So wie die Türkenkriege im Mittelalter haben auch die neuen Herausforderungen im Zeichen des Nationalismus die Menschen nur noch enger aneinander geschweißt. bis zum Zweiten Weltkrieg gab es in Siebenbürgen eine Gemeinschaft, die in ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl ihresgleichen sucht.

Die größten Umwälzungen in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen mussten und müssen die meisten der heute lebenden Generationen  bewältigen: Krieg, Flucht, Vertreibung, Deportation und  Aussiedlung. Hinzu kam ein gewaltiger sozialer Wandel im Laufe dessen eine in ihrer Mehrheit aus Bauern und Handwerkern bestehende Gesellschaft zuerst in die kommunistische Industrie- dann in die westliche Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft integriert wurde mit den begleitenden Individualisierungstendenzen, die sich negativ auf die gemeinschaftlichen Institutionen auswirkten. Dabei mussten die Siebenbürger Sachsen auf ihre bewährten Institutionen verzichten, da diese (Vereine, Genossenschaften, Unternehmen, politische Vertretung) nach dem Zweiten Weltkrieg völlig enteignet und aufgelöst wurden oder wie die Kirche zwar weiter bestehen konnten, ihr aber die materiellen Grundlagen entzogen wurden während die Schulen verstaatlicht wurden. Des weiteren wurde auch jeder Einzelne erstmals nach dem Krieg enteignet und bei der Ausreise de facto nochmals. 

Der Modernisierungsprozess von der Landwirtschaft- zur Industriegesellschaft sowie die  fast vollständige Aussiedlung während des 20. Jahrhunderts haben zu einer vollständigen Umwälzung der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft geführt.

Es ist schwierig am Anfang des 21. Jahrhunderts überhaupt noch  von einer Gesellschaft zu sprechen, da es keine gemeinsame Sozialisation weder in der Schule noch in der Kirche geschweige denn in einem geschlossenen Siedlungsgebiet gibt. In Siebenbürgen ist dies auch fast nicht mehr gegeben, zwar gehen die Schüler noch in deutsche Schulen, aber weit über 90 % sind Rumänen, ein Teil aus national gemischten Ehen. Während für die früheren Generationen die gemeinsame Sozialisation von der Wiege bis zur Bahre geregelt war, gab es für die Generationen, die den radikalen Umbruch des 20. Jahrhunderts mitmachten nur noch punktuell eine gemeinsame Sozialisation. Diese fand in der Kindheit und in den unteren Klassen statt. Danach ging jeder in der Berufsausbildung seinen eigenen Weg.

 


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